Nordzypern zeigt sich meist von seiner weltlichen Seite: Beach Clubs, Casinos, internationale Investoren, eine Insel im Aufbruch.
Doch abseits der Küste, in einem unscheinbaren Städtchen im Landesinneren, liegt eine ganz andere Schicht dieser Insel verborgen – leiser, älter, und für viele Menschen weltweit von großer Bedeutung.
Ein Scheich aus Larnaka
Muhammad Nazım Adil al-Qubrusi al-Haqqani wurde 1922 in Larnaka geboren, in eine Familie mit tiefen Wurzeln im Sufismus – väterlicherseits mit Verbindung zum Gründer des Kadiri-Ordens, mütterlicherseits zu Rumi, dem Gründer des Mevlevi-Ordens.
Schon als Kind begleitete er seinen Großvater, einen Scheich des Kadiri-Ordens, zu dessen religiösen Zusammenkünften. 1940 begann er in Istanbul ein Chemiestudium – doch seine eigentliche Suche galt etwas anderem: dem Naqschbandi-Orden, arabischer Sprache und islamischem Recht.
Der Weg zum Großscheich
1945 fand er in Damaskus seinen spirituellen Lehrer: Abdullah ad-Dagestani, ein Scheich des Naqschbandi-Ordens. Fast drei Jahrzehnte begleitete Nazım ihn als Schüler, bis er 1973 offiziell zu dessen Nachfolger ernannt wurde – Großscheich des Naqschbandi-Haqqani-Ordens.
Von diesem Moment an begann eine bemerkenswerte Entwicklung: Unter seiner Führung wuchs der Orden zu einer der aktivsten Sufi-Bewegungen weltweit, mit tausenden Anhängern nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Westeuropa und den USA.
Lefke wird zum Zentrum der Welt
Sein Lebensmittelpunkt – und bis heute der Hauptsitz des Ordens – war und ist Lefke, eine ruhige Kleinstadt im Westen Nordzyperns.
Vor seinem Tod besuchten monatlich Tausende Menschen aus aller Welt seinen Dergah, das Ordenshaus in Lefke, um an seinen Lehrgesprächen teilzunehmen oder einfach in seiner Nähe zu sein. Schätzungen zufolge zählte der Orden weltweit rund eine Million Anhänger, mehrere Tausend davon allein in Deutschland.
Ein kleiner Ort in Nordzypern, der für Menschen auf mehreren Kontinenten zu einem spirituellen Bezugspunkt wurde.
Ein Erbe, das weiterlebt
Sheikh Nazım starb 2014 im Alter von 92 Jahren in Lefkoşa. Beigesetzt wurde er in seinem eigenen Dergah in Lefke – dort, wo er jahrzehntelang gelehrt und Besucher empfangen hatte.
Bis heute ist der Ort ein Ziel für Pilger und Interessierte aus aller Welt. Wer durch Lefke fährt, sieht davon auf den ersten Blick wenig – und genau das macht diesen Ort so besonders. Kein Trubel, keine Inszenierung. Nur ein stiller Innenhof, der weiterhin Menschen anzieht, die etwas suchen, das über das Sichtbare hinausgeht.
Spuren, die weiter zurückreichen
Sheikh Nazım steht dabei nicht für sich allein. Er ist Teil eines größeren, oft übersehenen Kapitels der Insel: ihres osmanischen und islamischen Erbes.
In Nikosia wurde die gotische Sophienkathedrale nach der osmanischen Eroberung 1571 zur Selimiye-Moschee. In Famagusta erfuhr die Kathedrale St. Nikolaus dasselbe Schicksal und wurde zur Lala-Mustafa-Pascha-Moschee. Der Büyük Han in Nikosia, einst osmanische Karawanserei, zeugt noch heute vom Handel und Austausch jener Zeit.
Jahrhunderte islamischer Geschichte, eingeschrieben in Gebäude, die heute mitten im touristischen Alltag der Insel stehen – meist unbeachtet von jenen, die vorbeigehen.
Zwei Nordzyperns nebeneinander
Das heutige Nordzypern präsentiert sich weltoffen, säkular, westlich geprägt – eine Insel, die auf internationale Investoren, Resorts und einen modernen Lebensstil setzt.
Und doch existiert, kaum sichtbar, aber ungebrochen, dieses andere Nordzypern weiter: das der Moscheen in alten Kathedralen, der Karawansereien, des stillen Dergah in Lefke.
Beides gehört zu dieser Insel. Nicht als Widerspruch, sondern als zwei Schichten derselben Geschichte – die eine laut und sichtbar, die andere leise, aber für viele Menschen weltweit von bleibender Bedeutung.
