Mitte November 2025, später Nachmittag, ruhige See vor Esentepe.
Dann beginnt sich das Wasser zu drehen.
Was DHA-Kameras in diesem Moment festhielten, ging kurz darauf durch die sozialen Netzwerke: eine schlanke, sich drehende Wassersäule, aufsteigend bis in die Wolken – eine Wasserhose, direkt vor der Küste Girnes.
Der Moment vor Esentepe
Für einige Minuten sorgte das Naturschauspiel für Aufregung entlang der Küste. Bewohner und Urlauber beobachteten den Wirbel von der Promenade aus.
Die Wasserhose bewegte sich nie in Richtung Land. Keine Schäden, keine Verletzten. Nur ein paar besonders eindrückliche Minuten – und ein Video, das zeigte, dass dieses Naturphänomen auch vor Nordzyperns Küste keine Seltenheit mehr ist.
Kein neues Phänomen, aber ein häufigeres
Wasserhosen sind an sich nichts Ungewöhnliches im östlichen Mittelmeer. Historische Daten gehen für die Region Zypern von durchschnittlich rund drei solcher Ereignisse pro Jahr aus – meist im Spätsommer und frühen Herbst, wenn das Meer noch warm, die Luft darüber aber bereits kühler ist. Genau dieser Temperaturunterschied begünstigt die Bildung der charakteristischen, sich drehenden Luftsäulen.
Neu ist also nicht das Phänomen selbst. Neu ist, wie häufig es inzwischen beobachtet wird.
Auf der anderen Seite des Gebirges: die Wirbel der Mesarya-Ebene
Doch wer nur an die Küste denkt, kennt nur die halbe Geschichte.
Fährt man von Girne aus über die Passstraße Richtung Lefkoşa, verändert sich die Landschaft schlagartig: Aus dem grünen Küstenstreifen wird flaches, baumloses Land – die Mesarya, die große Ebene zwischen dem Beşparmak-Gebirge im Norden und dem Troodos-Gebirge im Süden, die sich von der Bucht von Morphou bis zum Golf von Famagusta zieht.
Im Sommer heizt sich dieser offene, karge Boden extrem auf. Temperaturen von über 40 Grad sind hier keine Seltenheit, der Wind fegt fast ungebremst über das Land – ein Grund, warum Landwirte hier seit Generationen gezielt Bäume als Windschutz pflanzen.
Genau diese Kombination aus Hitze, ebener Fläche und starker Sonneneinstrahlung erzeugt ein ganz eigenes Phänomen: den Dalaz, im Volksmund auch „Toz Şeytanı” oder „Şeytan Hortumu” genannt – wörtlich der Staubteufel.
Anders als die Wasserhosen an der Küste entstehen diese kleinen Wirbel nicht aus Gewitterwolken, sondern direkt vom Boden aus. Wenn sich eine Bodenfläche schneller erhitzt als ihre Umgebung, steigt die Luft dort schlagartig auf – ein kleiner, aber kräftiger thermischer Aufwind, der Staub und Sand mit sich reißt und sich zu einer sichtbaren, sich drehenden Säule formt. Meist zehn bis fünfzehn Meter hoch, meist nur zwanzig bis fünfundzwanzig Sekunden lang – aber eindrücklich genug, um jeden, der zum ersten Mal mittendurch fährt, kurz innehalten zu lassen.
Wer, wie viele Bewohner und Reisende, regelmäßig die Mesarya durchquert, hat gute Chancen, irgendwann selbst durch einen solchen Wirbel zu fahren – eine Erfahrung, die zum Landesinneren Nordzyperns fast so sehr dazugehört wie die Zitrusplantagen von Güzelyurt.
Was die Wissenschaft dazu sagt
Prof. Dr. Murat Türkeş, Klimaforscher an der Boğaziçi-Universität, ordnet den Trend an der Küste im größeren Zusammenhang ein: In den vergangenen zwanzig Jahren habe die Häufigkeit von Hortums – dem türkischen Sammelbegriff für Tornados und Wasserhosen – im Mittelmeerraum und in der Türkei um schätzungsweise 50 bis 60 Prozent zugenommen, verglichen mit den zwanzig Jahren zuvor.
Der Grund, so Türkeş, liegt nicht in besserer Beobachtungstechnik allein, sondern im Klimawandel selbst: Eine wärmere, feuchtere Atmosphäre liefert Gewitterzellen mehr Energie. Systeme, die früher lediglich Regen brachten, entwickeln sich zunehmend zu Superzellen – und diese können Tornados und Wasserhosen erzeugen. Besonders betroffen seien Küstenregionen mit warmen Meeresoberflächen, wie sie auch für Nordzypern typisch sind.
Die Dalaz-Wirbel der Mesarya folgen zwar einem anderen, rein thermischen Mechanismus ohne Gewitterwolken – doch auch sie profitieren indirekt vom selben Grundtrend: mehr Hitzetage, trockenere Böden, stärkere Temperaturunterschiede zwischen Bodenoberfläche und Luft.
Auch Nordzypern im Blick der Forschung
Auch für die Türkische Republik Nordzypern selbst warnen Klimastudien vor dieser Entwicklung. Eine Untersuchung zum Wasserressourcen-Management der TRNZ im Kontext des Klimawandels benennt Hortums ausdrücklich als eines der Wetterphänomene, deren Häufigkeit und Intensität in den kommenden Jahren voraussichtlich zunehmen wird.
Passend dazu zeigte eine internationale Studie unter Beteiligung des Cyprus Institute im Sommer 2026, dass sich auch die Staubereignisse im östlichen Mittelmeer durch den Klimawandel verstärken – gerade in den heißen, offenen Ebenen wie der Mesarya.
Einordnung statt Alarm
Die meisten Wasserhosen im Mittelmeerraum bleiben genau das, was auch jene vor Esentepe war: ein kurzes, beeindruckendes Naturschauspiel über offenem Wasser, das sich auflöst, bevor es die Küste erreicht. Und die Dalaz-Wirbel der Mesarya sind meist genauso schnell wieder vorbei, wie sie entstanden sind – eindrucksvoll, aber in aller Regel harmlos für alle, die ihnen mit etwas Abstand begegnen.
Gefährlich werden Wasserhosen vor allem dann, wenn sie auf Land treffen oder Boote in unmittelbarer Nähe überraschen – ein Grund, an Übergangstagen zwischen den Jahreszeiten die lokalen Wetterwarnungen im Blick zu behalten, insbesondere für alle, die an der Küste leben oder segeln. Im Landesinneren gilt Ähnliches für Autofahrer auf der offenen Mesarya-Strecke: kurz das Tempo drosseln, Fenster schließen, durchfahren lassen.
Ein Zeichen, das man ernst nehmen sollte, ohne in Alarmismus zu verfallen. Nordzypern bleibt, was es ist: eine der klimatisch begünstigten Regionen des östlichen Mittelmeers – an der Küste wie im Landesinneren.
