Atlantis wird meist im Atlantik gesucht, manchmal in der Ägäis, vor Santorin. Kaum jemand denkt dabei an Zypern.
Und doch gibt es seit über zwanzig Jahren eine Theorie, die genau das behauptet – und die gerade, im Winter 2025, unerwartet zurückgekehrt ist.
Die Entdeckung von 2004
2004 präsentierte der amerikanische Architekt Robert Sarmast Sonarmessungen aus dem Meer südöstlich Zyperns, in Richtung Syrien. In rund 1.500 Metern Tiefe zeigten sie einen Hügel mit Strukturen, die an Wälle und Gräben erinnerten.
Sarmasts These: Zypern sei der höchste, nie überflutete Teil von Atlantis gewesen. Der Rest der sagenumwobenen Zivilisation sei um 9000 v. Chr. im östlichen Mittelmeer versunken.
Er untermauerte die Theorie mit zusätzlichen Indizien – den reichen Kupfervorkommen der Insel, dem inzwischen ausgestorbenen zypriotischen Zwergelefanten, sowie lokalen Traditionen wie dem Kataklysmos-Fest, das bis heute an eine große Flut erinnert. Auch die teils untergegangene antike Hafenstadt Salamis an Zyperns Ostküste wurde in diesem Zusammenhang gelegentlich als Beispiel für „versunkene Orte” angeführt – nicht als Kernbeweis, aber als Beleg dafür, dass Landverlust ans Meer auf dieser Insel kein rein hypothetisches Phänomen ist.
Wissenschaftliche Kritik
Die etablierte Forschung reagierte zurückhaltend bis ablehnend.
Die gemessenen Strukturen liegen unter Sedimentschichten begraben; ein künstlicher Ursprung ließ sich nie belegen. Und historisch ist die Stadt Salamis erst ab dem 11. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar – Jahrtausende zu spät für Platons Datierung von Atlantis um 9600 v. Chr.
In der archäologischen Fachwelt gilt Sarmasts These bis heute als Außenseiterposition, nicht als anerkannter wissenschaftlicher Befund.
2025: Eine Rückkehr, ohne das Wort „Atlantis”
Im November 2025 war Sarmast wieder auf Zypern – mit neuem Material, einem neuen Buch und einer bemerkenswert veränderten Herangehensweise.
Diesmal vermeidet er den Begriff „Atlantis” fast vollständig. Sein neues Projekt, das „Latakia Ridge Research Institute”, konzentriert sich auf eine einzelne, klar abgegrenzte Anomalie am sogenannten Latakia Ridge, einige Kilometer jenseits des 2004 untersuchten Gebiets. Mithilfe KI-gestützter Kartierung will Sarmast dort eine hochgeordnete, geometrische Struktur in rund 500 Metern Tiefe identifiziert haben.
Seine eigene Formulierung bei der Präsentation an der Universität Zypern war auffallend zurückhaltend: „Wir verkünden nicht die Entdeckung einer versunkenen Stadt. Wir verkünden eine sehr spezifische, hochgeordnete Anomalie, die wir noch nicht erklären können – und wir laden die Wissenschaft ein, uns bei deren Überprüfung zu helfen.”
Geplant sind nun Bohrkernproben, hochauflösende Sonarmessungen und ROV-Kamerauntersuchungen vor Ort – finanziert über ein Budget, das laut Sarmast im niedrigen bis hohen Millionenbereich liegen könnte.
Einordnung
Was bleibt, ist eine faszinierende, aber unbewiesene Geschichte.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich am Meeresgrund vor Zypern tatsächlich Reste einer verlorenen Zivilisation befinden, schätzt die Fachwelt weiterhin als sehr gering ein. Auch Sarmast selbst distanziert sich inzwischen bewusst von der großen Atlantis-Erzählung und spricht lieber von einer offenen, noch ungeklärten geologischen Frage.
Und doch passt genau diese Geschichte zu einer Insel, die schon mit Teukros, Salamis und den Königsgräbern von Homer-artigen Bestattungsriten gezeigt hat, wie eng Mythos und Fund hier beieinanderliegen können. Ob am Ende Geologie oder Legende recht behält – Zypern bleibt ein Ort, an dem sich beides offenbar besonders gut erzählen lässt..
